Integratives Coaching

Erkenntnisse aus der Hirnforschung
Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Wissenschaft meets Coaching-Praxis.

Wenn ich nicht gerade Klienten in Veränderungsprozessen begleite, engagiere ich mich unter anderem aktiv im Deutschen Bundesverband Coaching (DBVC). Mitte November 2019 konnten die DBVC-Regionalgruppen Süd, FCIO und Bodensee-Schweiz den renommierten Neurobiologen und Hirnforscher Gerhard Roth in Stuttgart begrüßen. 

Auf der zeitweise hochspannenden Vortrags- und Diskussionsveranstaltung stellte Gerhard Roth DBVC-Mitgliedern und Gästen sein neurobiologisch fundiertes Konzept des Integrativen Coachings vor. Dabei gab es auch Einblicke in Möglichkeiten und Grenzen des Veränderungslernens aus Sicht der Hirnforschung.

Ein neurobiologischer Coaching-Ansatz

Was ist das Besondere am Ansatz von Gerhard Roth? Was braucht Coaching aus neurobiologischer Sicht, um wirksam zu sein? Roths Antwort darauf: Coaching braucht einen integrativen Ansatz, das heißt, es interveniert immer auf drei Ebenen gleichzeitig. Es gilt schließlich, den Menschen ganzheitlich in seiner Persönlichkeit und seiner individuellen (Lebens-) Geschichte zu berücksichtigen.

Basierend auf dem neurobiologischen Persönlichkeitsmodell (Roth, Cierpka) soll Coaching jeweils die drei Ebenen integrieren, auf denen sich psychische Prozesse manifestieren:

1. Ebene der subjektiven Befindlichkeit (Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen und verbale Kommunikation)

2. Ebene des Verhaltens (Beziehung, Bindungserfahrung, Beziehungsvorbilder) 

3. Ebene der körperlichen Zustände (einschließlich der nonverbalen Kommunikation)

Dieser Dreiklang dockt gleichzeitig direkt an drei Gedächtnisarten an: dem Befindlichkeitsgedächtnis (explizites Gedächtnis), dem Verhaltensgedächtnis (implizites Gedächtnis) und dem Körpergedächtnis (somatisches Gedächtnis).

 

Übung: Negative Erinnerungen abschwächen

Damit das alles nicht zu theoretisch wird, habe ich dir eine kleine Übung vorbereitet, bei der es darum geht, negative Erinnerungen abzuschwächen. Wir bewegen uns hier auf der Ebene der subjektiven Befindlichkeit (1. Ebene, siehe oben).

Los geht’s: Wähle gedanklich eine Situation aus deinem Leben, die Du sehr (!) negativ erfahren hast. Und nun suche dir eine zweite Situation, die für Dich unglaublich (!) schön und positiv war. Alternativ kannst du hier auch eine starke Wunschvorstellung wählen. Bei beiden Situationen spielt keine Rolle, aus welcher Lebensphase sie stammen. Hast du zwei Situationen ausgewählt? Dann tauchen wir da jetzt noch tiefer ein:

1. Gönne dir zunächst einen Zustand entspannter Aufmerksamkeit. Meditiere fünf Minuten lang. Für Ungeübte: Geführte Mediationen können hilfreich sein. Vielleicht magst du auch die Augen schließen. Probiere aus, ob dir das beim achtsamen Entspannen hilft.

2. Begib Dich nun intensiv – gedanklich und gefühlsmäßig – für eine Minute in deine negative Situation. Lass alles zu, was dabei geschieht.

3. Wechsele abrupt: Tauche tief und gänzlich ein in deine positive, schöne Erfahrung oder deine Wunschvorstellung – eine Minute lang.

Wiederhole die drei Phasen im nächsten Schritt mehrfach und automatisiere sie. Das Tolle an dieser Übung: Sie hilft dir dabei, deine negative Erfahrung mit einem schönen Erlebnis zu überlagern. Wir sagen ja gerne „Die Zeit heilt alle Wunden“. Heißt: Anfangs ist der Schmerz (nach einem Verlust, einer Trennung oder ähnlichem) noch stark spürbar. Nach einiger Zeit dann kann man darüber reden, ohne zu weinen oder den Schmerz in seiner Eingangsstärke zu spüren.

 

Verhalten und körperliche Zustände

Jetzt noch ein paar Worte zu den anderen beiden Ebenen (du erinnerst dich: weiter oben ging es um die Integration von drei Ebenen im Coaching).

Bei der Ebene des Verhaltens stehen uns oft unsere eigenen Gewohnheiten im Weg. Weil ich etwas schon immer so und so gemacht habe, weil ich mein Gegenüber schon immer so und so wahrgenommen habe… Hier liegt der Schlüssel oft darin, zu wagen, eine neue Perspektive einzunehmen und damit das eigene Verhalten und die individuellen Beziehungen selbstbestimmt zu gestalten.

Und schließlich zur Ebene der körperlichen Zustände: Mit einem verbesserten Körperbewusstsein lassen sich viele Situationen ganz neu erleben. Ich arbeite in diesem Zusammenhang gerne mit Embodiment-Techniken aus dem ZRM® – und mein ganz persönlicher Favorit zur Stärkung des Körperbewusstseins ist das Qi Gong.

 

Veränderungslernen aus Sicht der Hirnforschung

Einer meiner Schwerpunkte im Coaching ist das bewusste Gestalten von Veränderungsprozessen. Was können wir als Menschen in verschiedenen Organisationen anhand solcher Prozesse lernen? Wo sieht die Hirnforschung die Möglichkeiten des Veränderungslernens, wo ihre Grenzen? Auch dazu habe ich von Gerhard Roth Einiges gelernt. 

  • Der Mensch braucht Sinnhaftigkeit in den Inhalten. Dazu gehören klare Ziele und ein gangbarer Weg.
  • Ohne generelle Bereitschaft stocken Lernen und Veränderung. Ob und wie sehr jemand bereit für Veränderungen ist, hängt stark vom Persönlichkeitstyp ab.
  • Ganz pragmatisch: Der Mensch braucht einen gewissen „Leidensdruck“ (äußere und innere Notwendigkeit), um sich in Bewegung zu setzen.
  • Attraktiv sind Veränderungen dann, wenn sie individuelle Vorteile mit sich bringen – am besten gleich auf drei Ebenen (materiell, sozial und intrinsisch).

Aus der sozialen Ecke (Beziehung, Beziehung…) beleuchtet:

  • Veränderungen müssen auf den Ebenen Kognition und Emotion ansetzen.
  • Veränderung sollte sozial gut eingebettet sein. Der Mensch braucht individuelle Unterstützung.
  • Und ganz wichtig: Menschen brauchen Vorbilder – am besten mit Kompetenz, Selbstvertrauen, einem Gespür für Gerechtigkeit, Glaubhaftigkeit und Einfühlungsvermögen.

 Und nochmal mit der „neurobiologischen Brille“ betrachtet:

  • Größter biologischer Gegner von Veränderung sind … die Basalganglien. Basalganglien sind Kerne des Endhirns, in denen „die lieben Gewohnheiten“ abgespeichert sind. Dagegen heißt es erstmal „anzustinken“.
  • Und nochmal: Veränderung, gerade langfristige, braucht die Berücksichtigung des neurobiologischen Persönlichkeitsmodells und damit einen dreifachen Interventionsansatz.

 

Meine drei „Erleuchtungen“ zu Veränderung & Lernen

Viel Input von Gerhard Roth und eine teils „aufgeladene“ Begegnung von Coaching-Theorie und Praxiserfahrung – wenn du mich fragst, was ich für mich an diesem Abend zum Thema „Veränderung und Lernen“ mitgenommen habe, dann sind das vor allem vier Punkte:

1. Eine gewisse Demut oder Bescheidenheit: (Langfristige) Veränderung ist beschränkt.

2. Veränderung braucht Persönlichkeit.

3. Lernen ist anstrengend (auch körperlich) und hat körpereigene Gegner. 

4. Veränderung braucht einen individuellen Fokus und drei Interventionsebenen

Soviel zum Integrativen Coaching aus neurobiologischer Sicht nach Gerhard Roth. Jetzt bin ich natürlich gespannt: Was davon ist für dich neu? Was würdest du gerne ausprobieren? Bist du aufgeschlossen für alle drei Ebenen? Hinterlasse gerne einen Kommentar oder schreib mir eine Mail.


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2 Kommentare

  1. MM 25. November 2019
    Antworten

    Ja, so ist das mit der Veränderung; da wird Dir nix geschenkt!
    … das Positive überlagert das Negative… hört sich für mich nach Verdrängung statt Verarbeitung an… wie ist das aus neurologischer Sicht?
    Herzliche Gruß
    MM

    • Angela Mende 27. November 2019

      Aus neurobiologischer Sicht wird dies Überlagerung genannt.
      Als Beispiel nimmt Gerhard Roth ein Trauerfall (Tod, Trennung…) zur Hand.
      Wenn Du Dir mal eines vor Augen führen möchtest…
      Der Schmerz und die Trauer sind in der ersten Zeit tief und werden intensiv erlebt. Mit der Zeit wird der Schmerz „überlagert“ und nicht mehr in dieser Wucht erlebt. Der Verlust hingegen bleibt weiterhin.
      Aus unserem Sprachgebrauch wissen wir das auch: „Die Zeit heilt alle Wunden!“

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